Ende desvergangenen Jahres hat sich Dietmar Pohl selbstständig gemacht, um zukünftig seine Designs, aber auch Entwürfe anderer Messermacher unter eigenem Namen als Serienmesser zu vertreiben. Das erste im Handel erhältliche Pohl Force-Messer ist die Umsetzung eines Designs des amerikanischen Messermachers Spencer Alan Reiter (SAR). Ich hatte die Gelegenheit es gründlich unter die Lupe zu nehmen.
Das Hornet war der erste große Erfolg, mit dem sich Spencer Reiter einen Namen in der Szene machte. Als Custom wurde es in unzähligen Varianten und Größen gefertigt. Um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie beliebt das Design ist, braucht man bloß einen kurzen Blick in amerikanische Messerforen – allen voran das USN – zu werfen. Vorbild für die Serienvariante war das Hornet XL, welches von der Größe gute Allround-Eigenschaften mitbringt. Hier zunächst die technischen Daten:
Gesamtlänge: 18,5 cm
Klinge (L x H x S): 77 mm x 34 mm X 5,6 mm
Stahl: D2
Griffschalen: wahlweise Micarta oder Walnußholz
Verarbeitung
Damit das Messer in Serie gehen konnte, waren allein fertigungstechnisch einige Adaptionen des Designs erforderlich. Darüber hinaus hat Dietmar Pohl auch in Sache Optik und Handling einige weitere Optimierungen vorgenommen (den vollständigen Bericht kann man hier lesen). Dennoch ist es zunächst vor allem die Fertigungsqualität, für die der Name Pohl Force in diesem Fall steht. Daher soll zuerst die Verarbeitung des Messers interessieren – und die ist makellos. Bereits auf den ersten Blick, aber auch nach detaillierte Untersuchung, kann man feststellen: das Hornet XL ist blitzsauber gebaut. Alle Kanten sind sauber gebrochen und je nach Funktion mit Fasen unterschiedlicher Radien und Winkel versehen. Die Griffschalen sitzen passgenau und spaltfrei auf dem Erl. Der Klingenrücken wurde abgerundet, was sowohl haptisch als auch optisch ein Genuss ist. Die Daumenauflage wurde mit einer sauber ausgeführten Riffelung versehen, die genau die richtige Balance zwischen Grip und Handschmeichler hält.
Ausgeliefert wurde das Messer extrem gut abgezogen und außerordentlich scharf. Alle gängigen Schärfetests (Rasur, frei hängendes Papier, Haare) bestand das Messer mit Bravour. Das Schärfepotential von D2 wurde dabei meines Erachtens voll ausgereizt.
Der eigentliche Hinkucker des Messers ist jedoch die Endverarbeitung der Klingenoberfläche. Während das der Klingenspiegel des Hohlschliffs mit einer Spiegelpolitur versehen wurde, ist der Rest des Messers quer gebürstet, was einen tollen Kontrast ergibt. Dieses im englischsprachigen Raum auch als Two-Tone bezeichnete Finish kann sich wirklich sehen lassen und setzt einen hohen Fertigungsstandard voraus.
Scheide
Auch die Scheide des Messers sitzt passgenau und ist sehr gut verarbeitet, wobei hier die Unterschiede zwischen handgefertigtem Einzelstück und maschinenunterstützter Serienfertigung noch am ehesten deutlich werden. Den Ruf, nach einer farblich zur Walnussversion passenden braunen Scheide, der im Messerforum laut wurde, kann ich unterstützen. Laut Auskunft von Dietmar Pohl ist derzeit auch eine Kydex-Scheide für das Messer in Vorbereitung.
Nimmt man die Fertigungsqualität einerseits und den Preis des Messers (UVP 109€) andererseits, kommt man zu dem Ergebnis, dass einem hier ein hervorragendes Preisleistungsverhältnis geboten wird. Das letzte feststehende Serienmesser, das ich in dieser Fertigungsqualität testen konnte, war das Böker Savannah. Und das spielt in einer anderen Preisliga – auch wenn man dessen in einigen Details aufwändigere Fertigung berücksichtigen muss.
Einer der Gründe Dietmar Pohls für den Schritt in die Selbständigkeit war, dass er jetzt seine Ideen zu 100% umsetzen und auf jedes noch so kleine Detail achten kann. „Die Philosophie von POHL FORCE ist es dem Kunden ein Produkt anzubieten, das in Design, Material, Fertigung und Qualität dem höchsten Standard entspricht und dabei gleichzeitig erschwinglich bleibt.” Dieses Versprechen konnte beim Hornet XL vollständig eingelöst werden. Wenn das der PohlForce-Standard ist, hängt die Messlatte für die nächsten Messer aus diesem Haus ziemlich hoch.
Design
Kommen wir nun zu den Gebrauchseigenschaften und zum Design des Messers, für das im Wesentlichen Spencer Alan Reiter verantwortlich zeichnet und das man mit Fug und Recht als außergewöhnlich einstufen darf. Wegen den Stacheln am Griff mag das Messer vielleicht auf einige Betrachter etwas aggressiv wirken. Mit der mit der gutmütigen Klingenform und dem freundlichen Holzschalen ist es jedoch eher das Schaf im Wolfspelz. Um das Handling des Messers zu bewerten, habe ich es mehrere Wochen als EDC getragen und mit verschiedenem Schnittgut getestet (siehe Foto).
Handlage und Handling
Zu bewerten wäre da zunächst die Handlage, die sicherlich jeden interessiert, der das Messer zum ersten Mal erblickt. Bei meiner Handgröße fügt sich der Griff sofort wie angegossen in die Hand. Der Clou ist der hintere Stachel der Hornisse. Während man diesen auf den ersten Blick als so genannten Skull-Crusher einstufen würde, ergibt sich die wirkliche Funktion wie eine Offenbarung, wenn man das Messer das erste Mal in die Hand nimmt. Er dient als Halt und Auflage für den kleinen Finger, so dass sich der Griff – anders als von der Optik allein zu schließen wäre – zu einem vollen 4-Fingergriff mausert. Ergonomisch ungewöhnlich und auch gewöhnungsbedürftig ist dabei, dass der Mittelfinger „tiefer im Griff” sitzt, als der Zeigefinger. Wenn man einen Blick auf seine Hand wirft, dürfte man eigentlich Umgekehrtes erwarten.
Designbedingt fehlt es hinsichtlich der Zahl der möglichen Griffpositionen etwas an Flexibilität. Das merkt man, wenn man das Messer zum Beispiel in der Küche oder beim Schälen eines Apfels einsetzt und man andere Griffpositionen als den Hammergriff benötigt. Beim kontinuierlichen Schneiden mit hohem Krafteinsatz – ich habe hier zu 10 cm eines 20mm-Kiefern-Rundstabes in Späne verwandelt – macht sich als erstes der Dorn zwischen Zeige- und Mittelfinger schmerzhaft mit Druckstellen bemerkbar. Dann fangen (bei mir als Rechtshänder) die Ober- und Unterkante der rechten Walnussholz-Schale zu drücken an. Was dagegen den Daumen angeht, so bietet der Messerrücken eine angenehm breite und komfortable Auflagefläche.
Schneideigenschaften
Mit einer Stärke von ca. 5,6mm am Rücken hat die Klinge damit auch eher „amerikanische” Dimensionen. Dank der Klingenhöhe und des relativ weit hochgezogenen Hochschliffs sind die Schneideigenschaften aber dennoch gut. Halbiert man einen Apfel, wird dieser jedoch gespalten statt geschnitten. Mit dafür verantwortlich ist auch die relativ kräftig dimensionierte Schneide. Diese ist direkt über der Phase immerhin noch 0,8 bis 1,00 mm dick. Das bringt zwar Pluspunkte in Sachen Robustheit, die Schneidfreudigkeit leidet darunter jedoch. Das merkt man z.B. beim Schälen eines Apfels, wo man die Klinge in recht großem Winkel ansetzen muss. Und auch die Eindringtiefe in Holz bei Druckschnitten quer zu Faser ist bei gleicher Kraftanstrengung geringer als bei anderen Messern.
Die bauchige Klingenform als solche ist wiederum als recht führig einzustufen. So ließen sich 8 Hähnchenkeulen problemlos filetieren. Wegen des weichen Schnittgutes war hier der Winkel der Schneide weniger entscheidend und die hervorragend geschärfte Klinge konnte ihr Potential voll ausspielen.
Schärfe & Schärfen
Apropos Schärfe: Nach dem Zerspannen des 20mm-Rundstabs lies sich feststellen, dass die außerordentliche Schärfe, mit der das Messer ausgeliefert wird, relativ schnell zurück geht. Das Messer rasiert dann nur noch rupfend. Diese Schärfe wird aber erstaunlich lange gehalten. Daran ändern auch zahlreiche Schnitte durch ein dickes Naturfaserseil nichts. Eine gute Gebrauchsschärfe bleibt bestehen. Das passt einerseits zum Bild, das man von D2 als Stahl hat und ist andererseits auch dem robusten Schneidenwinkel geschuldet.
Damit stellt sich auch die Frage nach der Schärfbarkeit: Eines der gängigen Vorurteile gegenüber D2 ist, dass man sich dabei auf eine Geduldsprobe einstellen muss. Das ist aber nur eine Frage des Vergleichsmaßstabs. Ich habe das Messer sowohl mit dem Sharpmaker als auch mit Shapton-Keramiksteinen geschärft. Die Rasierschärfe ließ sich dabei relativ schnell wieder herstellen und die Schärfbarkeit stellt sich dabei nicht viel anders dar, als bei anderen hochlegierten, rostträgen Stählen auch. Nur die Schärfe des Auslieferungszustandes habe ich nicht wieder erreicht. Das mag aber auch mit meinen bescheidenen Schärfkünsten zusammenhängen.
Zu beachten bei D2 ist zudem noch, dass der Stahl in Sachen Pflegeintensität zwischen „rostfreien” und Kohlenstoffstählen liegt. Da der Chromanteil in der Legierung unter 12 % liegt, kann D2 nicht als rostträge eingestuft werden. Im normalen Gebrauch bringt das kaum Einschränkungen mit sich. Da reicht es meist, die Klinge nach dem Kontakt z.B. mit Fruchtsäuren abzuspülen und trocken zu wischen. Regelmäßiges Ölen ist gut, aber nicht zwingend erforderlich. Lässt man das Messer jedoch nach dem Kontakt – z.B. mit einer Zwiebel – unabgespült liegen, darf man sich nicht wundern, wenn die Klinge anläuft.
Tragekomfort
In den Testwochen habe ich am Gürtel verschiedene Tragepositionen rund um den Körper ausprobiert: 3 Uhr, 5 Uhr und 10/11 Uhr. Durch die beidseitige Gürtelschlaufe an der Scheide ist das problemlos möglich. Durch den relativ hohen Sitz stellt sich der hintere Stachel dabei als problematisch heraus. Dieser piekst dieser in einigen Positionen in den Bauch, meine Tochter beschwerte sich, als ich sie auf dem Arm hatte und an die Folgen eines Sturzes mag ich als Radfahrer ebenfalls nicht denken. Am meisten bewährt hat sich die Cross-Draw-Tragenweise auf der 10/11-Uhr-Position. Beim Ziehen ließ sich der Druckknopf mit dem Daumen problemlos öffnen, das Schließen nach dem zurückstecken gestaltet sich allerdings etwas fummelig.
Fazit
Die Stärke des Hornet XL ist definitiv die Optik. Das meine ich nicht so negativ, wie es in manchen Ohren klingen mag, denn im ersten Abschnitt dieses Testberichts habe ich ja auf die Fertigungsqualitäten des Messers hingewiesen. Nur wer sein Messer allein nach praktischen Gesichtspunkten aussucht, ist hier vielleicht nicht an der richtigen Adresse. Der Griff ist ergonomisch zwar durchdacht, aber wie bei allen Designs mit ausgeprägten Fingermulden ist die Flexibilität beim Greifen eingeschränkt. Das erschwert auf Dauer ermüdungsfreies Arbeiten. Für die die meisten Schneidaufgaben im Alltag lässt sich das Messer aber dennoch ohne Probleme einsetzen. Ein spezieller Einsatzbereich, bei dem das Messer ausgesprochene Stärken entwickelt, findet sich allerdings nicht. Andererseits: klassische Droppoint-Designs gibt es wahrlich genug.


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