Wenn ein Taschenmesser mit Titangriffschalen für unter 100 € angeboten wird, dann ist beides geweckt: Interesse und Skepsis. Grund genug, sich das TiPika mal genauer anzusehen, das in China für Benchmade produziert wird.
Wie viele andere große Hersteller kommt auch Benchmade nicht mehr darum herum, in Fernost produzieren zu lassen, um das untere Preissegment bedienen zu können. Als Produktlinie hat Benchmade hierfür die „Red Class“ eingeführt. Andere Taschenmesser dieser Reihe sind z.B. Vex, Monochrome, Ambush und das „Standard“-Pika. Während letztgenanntes mit vernieteten Griffschalen aus glasfaserverstärktem Nylon auskommen muss, wurden der neuen Edelvarianten des bewährten und beliebten Messers verschraubte Titan-Griffe und ein Backspacer aus Titan spendiert. Auf diese Weise erhält das Messer eine deutlich wertigere Optik ohne wesentlich an Gewicht zu gewinnen.
Das Messer ist in zwei Varianten erhältlich. Die hier getestete große Version hat eine Klingenlänge von 8,7 cm bei knapp über 8 cm Schneidenlänge. Geöffnet ist das Messer ca. 21 cm lang. Das Mini-TiPika dagegen ist dagegen knapp 18 cm lang und verfügt über eine Klinge von ca. 7,4 cm.
Da man unterstellt, dass der gute Preis nur unter Qualitätseinbusen erzielt werden kann, gilt das erste Augenmerk natürlich der Verarbeitung des Messers. Hier fällt zunächst der sehr sauber und regelmäßig ausgeführte Klingenschliff ins Auge. Die akkuraten und symmetrisch verlaufenden Schleiflinien verleihen dem Messer eine dynamische, aber nicht allzu aggressive Optik. Das Finish von Griff und Klinge lässt sich als „Maschinensatinierung“ umschreiben und geben dem Messer einen dezenten Glanz. Auch hier ist die Ausführung sehr sauber. Ein schönes Detail: Der Backspacer wird mit zwei dünnen Kupferstreifen eingefasst.
Das Messer ist sowohl für Rechts- als auch für Linkshänder gut mit einer Hand zu öffnen. Der Klingengang ist zwar nicht seidenweich, aber flüssig. Die Verriegelung greift zuverlässig. In horizontaler Richtung weist die Klinge kein nennenswertes Spiel auf. Wie bei vielen anderen Backlocks ist jedoch geringfügiges, vertikales Spiel festzustellen. Um dieses zu Vermeiden, müsste die Produktion äußerst geringe Fertigungstoleranzen aufweisen. Dies ist in diesem Preissegment offenbar eine Herausforderung.
Darüber hinaus ist an der Fangriemenöse eine kleine Fehlstelle zu identifizieren und bei einigen Schraubenköpfen zeigen die Torxöffnungen bereits im Auslieferungszustand Abnutzungserscheinungen. Dies spricht weder für die Verarbeitung noch für die Qualität der Schrauben. Der Gesamteindruck des Messers ist jedoch überraschend positiv.
Beim Klingenstahl handelt es sich mit 9Cr13 (vollständig: 9Cr13CoMoV) um einen rostträgen chinesischen Stahl, dessen Legierungselemente Ähnlichkeiten mit dem japanischen VG10 oder dem N690 von Böhler aufweisen. Laut Angabe von Benchmade wird die Klinge auf 58-60 HRC gehärtet und ist im Auslieferungszustand so scharf, dass der Rasurtest am Unterarm ohne Probleme bestanden wird.
Getestet wurde das Messer im täglichen Einsatz während eines zweiwöchigen Wanderurlaubs für nahezu alle Schneidaufgaben. Es kam sowohl beim Picknick unterwegs als auch für alle Aufgaben in der Ferienhausküche zum Einsatz. Darüber hinaus wurden zahlreiche Schnitz- und Bastelarbeiten mit dem Messer durchgeführt. Nach diesem zweiwöchigen Dauereinsatz wies das Messer immer noch befriedigende Schärfe auf, die sich allein durch Abziehen über Leder wieder auf Rasurtauglichkeit bringen lies. Trotz des relativ niedrig angesetzten Hohlschliffs konnten alle Schneidaufgaben zufrieden stellend durchgeführt werden. Selbst Schnittgut wie Möhren oder Kartoffeln ließen sich ohne nennenswerte Spaltwirkung schneiden.
Die Handlage des Messers ist insgesamt gut. Die Riffelung der Daumenrampe setzt sich über gesamten Verschlusshammer fort und gibt so dem Daumen in verschiedene Griffpositionen ausreichend Grip. Der Handschutz am Zeigefinger verhindert, dass man mit der Hand in die Schneide rutscht. Störend ist jedoch der hintere „Höcker“ an der Griffunterseite. Nur wenn man das Messer weit hinten greift ist dieser zwischen Ring- und kleinem Finger positioniert und schafft so etwas wie eine Fingermulde für den kleinen Finger. In normalen Griffpositionen kommt der kleine Finger jedoch immer genau auf diesem Höcker zu liegen. Dies fühlt sich nicht nur „falsch“ an, sondern ist auch schnell unbequem.
Durch die glatten Griffschalen gleitet das Messer gut in die Hosentasche. Durch die geringe Griffstärke von nur 8mm trägt das Messer kaum auf und lässt sich bequem tragen. Der Clip, der sich auf die andere Seite des Messers umsetzen lässt, hält das Messer sicher in Tip-Up-Position. Das Messer ragt etwas aus der Hosentasche, so dass es sich gut ziehen lässt. Würde das Messer tiefer in der Tasche verschwinden, ließe es sich dezenter tragen.
Insgesamt handelt es sich um ein optisch ansprechendes Messer mit guten EDC-Qualitäten. Hier machen sich insbesondere das geringe Gewicht und der flache Griff positiv bemerkbar. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist als überzeugend einzuschätzen. Nur die falsche Position der hinteren Griffmulde ist ein deutliches Manko, dass den positiven Gesamteindruck etwas trübt.






4. Dezember 2008 um 13:57
schönes review!
ich habe das pika in plastik-schwarz. und der hintere hubbel nervte mich genauso. man gewöhnt sich aber dran.
ich überlege jetzt schon, mir die wesentlich besser in der hand liegende minivariante als ti zu holen… schade nur: keine tip-down tragemöglichkeit…
gruß
pocke
4. Dezember 2008 um 16:24
Für das Problem mit dem “Höcker” habe ich schon eine schöne Lösung gefunden. Die werde ich demnächst hier präsentieren.